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Lisbeth Tolstrup: Aus dem Buch: Resumé 1966-1999, Borgen 1999. Übersetzung
aus dem Dänischen: Bei den vielen Skulpturen von Heidi Guthmann Birck, die als doppelte Porträts bezeichnet werden können, ist eine unmittelbare Feinheit und eine eigene perfektionistische Auffassung von Details zu verzeichnen. Diese Schönheit, dieser verfeinerte Sinn für das Vollkommene, erfährt sein Gegenspiel durch eine scharfe Betrachtung des menschlichen Verfalls, der Verletzbarkeit und Entblößung, die in den Oberflächen von Scherben, Steinen und Bronzen zu Abbildungen der Haut werden, sinnlich und Leben atmend. Es kann den Betrachter verwundern, wenn sie die Figuren nur da stehen, daß sie so still stehen, lebensvoll wie sie sind, und gleichzeitig im Aufbruch, unterwegs als Teil einer Bewegung, die auf die endgültige Entkleidung hindeutet. Der Mensch, gesehen und erklärt in all seiner verteidigungslosen Blöße. In vielen früheren Arbeiten,
die seit Mitte der 60er Jahre entstanden sind, ist die Doppelheit
ständig latent vorhanden. Physisch ist sie noch geprägt
von der Suche, den abgerundeten Formen, die gnädig die Klarsicht
verhüllen, und durch einzelne Gesichter und Gliedmaßen,
eingefügt in zirkuläre Einheiten. Bevorzugtes Medium
ist das Relief in Form von Wandskulpturen, fest verankert in
seinem Haltepunkt, der durch die senkrechte Wand gebildet wird.
In jeder dieser frühen Arbeiten findet man Vertiefungen
und Aussparungen, ein beinah urgrundhaftes Festhalten der einzelnen
Körper, Köpfe oder Hände in enger Verbindung mit
dem Schoß der Erde, dem Schoß, aus dessen Öffnung
alles entspringt. Noch sind Kreis und Öffnung klarer als
die einzelne Figur, der Mensch, der wie ein fein geputzter Tupilak
sein Wesen durch einfache Gesten und Signale entschleiert. Eine
Nase hier, ein paar Augen in ihren Höhlen, ein Stirnbein,
stärker als Stein. Schultern die sich langsam entfalten
und ihren Platz finden in der Balance des aufstrebenden Halses,
gekrönt vom Schädel, der an einer einzelnen Stelle
fast aufklafft wie der Mund von des Meeres größter
Muschel. Einige sind teilweise verdeckt,
vermummt hinter einem Visier aus Blättern, geflochtenen
Bändern oder gefrorenen Ornamenten, in Ton gefangen, und
anschließend mit der Härte und Oberfläche versehen,
die sie mit der Eigenart früherer Zeiten verbinden. Eine
Verbindungslinie zu den Handwerkern, welche über Jahrhunderte
hinaus verstanden Räume, Häuser und Figuren auszugestalten.
Hier, in Heidi Guthmann Bircks Regie, erfährt die Ornamentik
ihre eigene Doppelheit, gleichzeitig Dekoration und Verschanzung,
ein scheinbares Versteck für den Ausdruck, den man hinter
den präzisen Öffnungen erahnt und der gleichzeitig
einen Teil der Gesamtheit ausmacht. Das Wesentliche bei dieser Aufstellung ist, daß für jede der modernen Figuren eine klassische steht. Fragmente und Spolien aus verschwundenen Kulturen werden durch die Köpfe hervorgehoben, wo jeder für sich als Doppel seiner selbst erlebt werden kann. Wie aus einer stilisierten dorischen Säule heraus-wachsend, erhebt sich die eine kraftvolle Figur nach der anderen. Ihre Persönlichkeit ist an anderen Stellen vermerkt. Bei einer ist es in Form von Profilen, geschnitten in grellen Nuancen, vom Nacken über den Sockel, bei einer anderen die Krallen eines Wanderfalken, der um die verletzbaren Stellen am Hals greift. Oder in der äußersten Konsequenz, ein Profil, so scharf wie eine Silhouette, durchschnitten und verschoben im Verhältnis zur eigenen Masse des Kopfes. Gerade diese Skulptur, Der
doppelte Dichter von 1983, bezeichnet einen Wendepunkt in der
Arbeit mit den doppelten Porträts. Wo früher von einer
durchschaubaren Doppelheit die Rede war, ein Mensch mit mehreren
Ausdrücken zwei Porträtbüsten gesammelt
nebeneinander auf einem gemeinsamen Sockel, oder ein Mensch hinter
einem Traum oder einem Alter Ego in Form einer Maske vermummt,
geschah hier eine Verflechtung, eine Vereinigung von mehreren
eine herausfordernde Konstellation von Persönlichkeiten.
Gekoppelt in einer gewollten siamesischen und unzerstörbaren
Vereinigung. Es ist erstaunlich, wenn eine
Skulptur, über ihre eigenen Formqualitäten hinaus,
zwei historische Perioden zu verbinden vermag, zwei Ausgangspunkte
für das kulturelle Weltverständnis, welches ausschlaggebend
ist für unsere Ideale von Schönheit und Balance. Durch
die Kombination der zwei männlichen Köpfe entsteht
eine neue Art und Weise zu arbeiten. Ständig ist sie verbunden
mit der bisherigen Suche, die sich nun im konkreten Ausdruck
entfaltet, einer Öffnung, die weiter reicht als die einzelne
Figur. Wo früher die Doppelheit in sich gekehrt aufgefaßt
werden konnte, wird sie nun nach außen gekehrt, drängend
und notwendig. Eine sichtbare Verschmelzung, die es naheliegend macht, sich diese als Voraussetzung für die erste größere Bronzeskulptur vorzustellen, Die Frau auf der Treppe, die in den Jahren 1991 und 1992 entstand. Aber auch ein bewußtes Ausnutzen des räumlichen Erlebnisses, das sich beim Vorübergehen ändert. Frontal ahnt man ein Lächeln, von der Seite eine klinische Blöße, welche die Illusion von Mythen über weise Menschen beschwört, die hinter die Stirn der Menschen zu schauen vermochten, bis hinein in das Kraftzentrum, das alle menschlichen Gefühle erzeugt. Ein Doppelspiel, das in späteren Bronzen festgehalten wird unter ihnen die Skulptur des Gymnasialschüler der 90er Jahre (1995), bei der sich eine Person in zeittypischer Kleidung lässig an ein filigranes Geländer lehnt. Erst in unmittelbarer Nähe klärt sich die Doppelhaftigkeit, die scheinbare Lässigkeit wird von einer femininen und einer maskulinen Seite abgelöst. Verbunden in ein und derselben Figur, festgehalten in einer Stellung, die gleichzeitig festhält und erlöst. Noch einmal hat die schöne Erscheinung eine gefährliche Doppelheit. Die Gefährlichkeit liegt in dem unsichtbaren Kampf. Parallel mit der Entwicklung der hier beschriebenen Isolierung und der erneuten Zusammenfügung zu doppelten Skulpturen, bearbeitet Heidi Guthmann Birck dieses Thema in einer Reihe von Reliefs. Verschwunden sind die organischen Umrisse vom Ende der 60er Jahre, zu Gunsten scharf geschnittener Sechskanten, die im Hintergrund oftmals von Quadern ähnelnden Fragmenten durchschnitten werden. Ein fordernder und gleichzeitig inspirierender Hintergrund für die Weiterführung der zwei Dimensionen. Als frühe Beispiele für die Aufsplitterung des Figur und Raumerlebnisses erahnt man bei ein und demselben Kopf erst ein Porträt, später dann zwei und oftmals auch drei. Der direkte Blick, in einem frontalen Bild wiedergegeben, wird durch eine leichte Austonung der Farbe gedreht, und einen Augenblick später vernimmt man noch ein Profil, das vielleicht heller, vielleicht dunkler, vielleicht nur eine Wahrnehmung ist. Die Verbindung, zurück zu den frühen Säulenfiguren, ist intakt. Die späteren Jahre
In den Werken wie Ladyboy von 1993-94, Geisha von 1994 und Puppenfigur von 1997 sind neue Elemente im Spiel. Ladyboy ist eine sensuelle und doch enthüllende Wiedergabe eines Wesens, das in seinem ganzen Dasein auf die Doppelhaftigkeit Mann / Frau anspielt. Er gehört zu den Gruppen junger thailändischer Männer, die im Alltag schuften, um etwas Geld zu verdienen, um sich dann am Wochenende in einer wahrhaften Veränderung zu Stars Drags zu verwandeln, die im ständigen Suchen nach dem Perfektionismus die letzten Reste ihres inneren Gegenpols aushöhlen das Feminine. In dieser Interpretation gelingt es, eine vollendete klassische Skulptur zu schaffen, in der jedes einzelne Detail, jeder Gesichtszug verfeinert ist im Spiel zwischen gewolltem Exhibitionismus und tiefer Verwundbarkeit. Noch ein Thema der frühen 80er Jahre hat seine Entfaltung erreicht, eine porträtartige Doppelheit, die viel weiter reicht als nur die Figur selbst wiederzugeben. Umgekehrt steht die Figur der Geisha stark maskulin in ihrer bewußten Weiblichkeit. Ein notwendiges Gegenspiel für die Dekadenz bei Ladyboy, oder die gewollte Trägheit bei der Puppenfigur. Die doppelten Porträts leiten hin zu der künstlerischen Klärung, die heute Heidi Guthmann Bircks Arbeit charakterisiert. Mit dem Menschen als Inspirationsquelle haben sich die Untersuchungen verbreitert, vom Nahen und Anonymen hin zum Weitschauenden und Fähigen. Für jede Figur, jeden Körper, der in Ton oder in Bronze entsteht, gibt es neue Nuancen, neue Winkel für einen Ausdruck, der sich wohl beschreiben, aber niemals einfangen läßt.
Hesiod (griech. He'siodos), griech. Dichter, 600 700 v. Chr., er schrieb unter anderem Lehrgedichte von den Jahreszeiten und der Arbeit der Bauern. Sein wesentlichstes Werk ist die Theogonie, welche die griechische Geschichte über die Erschaffung und den Ursprung der Götter beschreibt. Eine Kopie seines Kopfes befindet sich in der Ny Carlsberg Glyptothek in Kopenhagen. Virgil oder Vergil (lat. Vergilius Maro Publius). Römischer Dichter, 70-19 v. Chr.. Er schrieb u. a. Hirtenlieder und Gedichte über den Landbau. Sein Hauptwerk ist die Aeneis, ein römisches Nationalepos in 12 Bänden, das er nach einer Aufforderung von Kaiser Augustus geschrieben hat. Es beschreibt die Flucht von Troja nach Latium und die Gründung des römischen Reiches. Eine römische Kopie von Vergils Kopf befindet sich in der Ny Carlsberg Glyptothek in Kopenhagen.
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